„Ich komme ins Gleiche, der Ewige ist stets vor mir“ (Psalm 16, 8). Ins-Gleiche-kommen hängt zusammen mit Gleichmut. Besitze ich diese Eigenschaft, so weiß ich, dass der Ewige stets vor mir ist. Ein solcher Gleichmut wird durch Anschmiegen an G-tt erworben, den die Bemühungen um die Anschmiegungen lassen für niedere Gedanken keinen Raum, und wer stets dem Schöpfer dient, hat zur Überheblichkeit keine Zeit mehr… Ähnlich soll, wer plötzlich eine schöne Frau sieht oder liebliche Dinge dieser Welt wahrnimmt, sich im Augenblick fragen: Woher stammt den eine solche Schönheit? Doch nur von der g-ttlichen Kraft, die die Welt durchdringt! So ist also der Ursprung der Schönheit g-ttlich, und warum soll ich mich nur durch einen Teil anziehen lassen? Besser ist es für mich, ich lasse mich vom All anziehen, dem Ursprung und Quell aller aufgeteilten Schönheit. Und kostet einer etwas Gutes oder Süßes, soll er bedenken, daß es die g-ttliche Süße ist, deren Kraft alles Süße belebt. Eine solche Schau ist die Schau des Unendlichen, gelobt sei er… Ebenso wenn einer etwas Ergötzliches hört, das ihm Freude bereitet, so bedenke er, es ist ein Teil der Welt der Liebe.
Jeder soll G-tt, gelobt sei er, mit seiner ganzen Kraft dienen, den alles steht im Dienste des Höchsten, und G-tt, gelobt sei er, will, dass man ihm auf jede Weise diene, einmal auf diese, einmal auf jene Weise… Um ein Beispiel zu geben: Einer geht auf dem Wege und redet mit seinem Mitmenschen, da kann er doch nicht Tora lernen! Dennoch muß man immer G-tt, gelobt sei er, anhangen und ihn den Einen sein lassen. Geht darum einer auf dem Wege und kann nicht wie gewohnt beten und lernen, so diene er G-tt auf andere Weise… Immer suche man in seinen Gedanken die Einsamkeit mit der g-ttlichen Einwohnung und sinne nur darauf, sie stets zu lieben, auf das sie einem anhafte. Man Frage sich stets in seinen Gedanken: Wann werde ich würdig sein, daß bei mir dass Licht der Einwohnung wohne?…
Quelle: Wie Rosen unter den Dornen: kabbalistische Weisheit/ausgew., eingel. und hrsg. von Manfred Baumotte. – Düsseldorf; Zürich : Benzinger, 2001, S. 46-47