In der Zeit, die seit jenem Morgen des 7. Oktober 2023 vergangen ist, habe ich sehr viel gelernt.
Ich habe gelernt, dass Bewohner Gazas in den Kibbuzim von Haus zu Haus gehen und systematisch, ohne Eile, eine Familie nach der anderen abschlachten können. Dabei kann man diese Menschen foltern, ihnen Körperteile abschneiden, Fingerglieder, die Brust, den Kopf. Man kann Familienmitglieder zwingen, miteinander Sex zu haben. Man kann einen Jugendlichen nehmen und ihn zwingen, von Haus zu Haus zu gehen und diejenigen herauszulocken, die sich versteckt haben. Nachdem man sich ausgiebig amüsiert hat, kann man die Opfer mit Draht fesseln und bei lebendigem Leib verbrennen. Den Vater, die Mutter, die Kinder. Auch das Haus niederbrennen.
Das ist nötig, um Palästina zu befreien.
Ich habe gelernt, dass Bewohner Gazas auf einem Musikfestival voller junger Menschen ein Massaker anrichten können. Zum Massaker müssen unbedingt Massenvergewaltigungen gehören. Dabei kann man das Opfer direkt während der Vergewaltigung erschießen und es anschließend weiter vergewaltigen. Man kann ihm eine Brust abschneiden und damit Fußball spielen. Man kann systematisch unbewaffnete junge Menschen, die sich in mobilen Toiletten und Betonunterständen verstecken, mit Granaten bewerfen und erschießen.
Das ist nötig, um Palästina zu befreien.
Ich habe gelernt, dass Bewohner Gazas einen thailändischen Arbeiter mit einer Hacke erschlagen können. Einen Studenten aus Tansania quälen und töten. Eine schwangere Araberin erschießen. Mit einer Panzerfaust auf zivile Autos schießen und alles auf ihrem Weg verbrennen. Man kann 200 Menschen pro Stunde töten. Man kann 251 Menschen als Geiseln verschleppen, darunter Frauen, gebrechliche alte Menschen, Kinder und sogar Säuglinge. Die Säuglinge kann man später mit bloßen Händen erwürgen. Ihre Mutter ebenfalls.
Das ist nötig, um Palästina zu befreien.
Ich habe gelernt, dass Bewohner Gazas alles tun werden, um die Geiseln festzuhalten. Ein Arzt, ein Lehrer oder ein Journalist und ihre Familien stellen ihr Haus mit Vergnügen zur Verfügung, um darin Geiseln festzuhalten. Diejenigen, die weniger Glück hatten, werden in Tunneln, in Käfigen festgehalten, ausgehungert und sexueller Gewalt ausgesetzt. Dort gibt es unter jedem Haus Tunnel. Die Bewohner Gazas haben Jahre damit verbracht, sie zu bauen. Ich habe gelernt, dass in Gaza jesidische Sexsklavinnen festgehalten werden, die seit ihrem elften Lebensjahr dort sind. Ich habe gelernt, dass man einem israelischen Soldaten den Kopf abschneiden und ihn im Kühlschrank aufbewahren kann, während man nach dem besten Käufer für eine solche Trophäe sucht. Ich habe gelernt, dass es für Geiseln nicht einmal einen Sinn hat zu fliehen, weil jeder Passant dich festhalten und wieder ausliefern wird. Ich habe gelernt, dass Bewohner Gazas bereit sind, unter Bomben zu verrecken, solange sie die Geiseln nicht freilassen müssen.
Das ist nötig, um Palästina zu befreien.
Ich habe gelernt, dass die Leichen der Opfer noch nicht einmal erkaltet waren, als die Vorwürfe des Völkermords gegen Israel bereits begannen. Von Aktivisten und Menschenrechtskämpfern habe ich gelernt, dass es überhaupt keinen Angriff gegeben habe und sämtliche Opfer von der israelischen Armee selbst getötet worden seien. Von Feministinnen habe ich gelernt, dass es keinerlei Beweise für Massenvergewaltigungen gebe. Von Analysten und Influencern, dass dies wieder einmal eine Operation unter „falscher Flagge“ gewesen sei. Ich habe gelernt, dass Yahya Sinwar ein großer Held gewesen sei. Alle waren sich in einem Punkt einig: Selbst wenn all das wahr ist, haben wir es selbst verdient, weil „Zionismus Nazismus ist“.
Das ist nötig, um Palästina zu befreien.
Ich habe gelernt, dass der Wunsch, Vergewaltiger und Mörder zu bestrafen, ein Beweis für eine genozidale Gesellschaft und fehlende Empathie ist. Der Zusammenhalt eines Volkes angesichts eines ungeheuerlichen Traumas ist unverhohlener Faschismus. Die Forderung nach Rache ist unnatürlich, und Mitgefühl mit den Geiseln ist ungehörig. Ich habe gelernt, dass man zur Beendigung des Krieges nicht Druck auf die Führung Gazas ausüben, sondern ein Embargo für Waffenlieferungen an Israel fordern muss. Dass die Welt meint, es sei einfacher, sich dem absoluten Bösen zu unterwerfen, als die eigenen Werte zu verteidigen. Dass es normal ist, wegen eines Konflikts am anderen Ende des Planeten wahllos Juden auf den Straßen Europas und der USA anzugreifen. Ich habe gelernt, dass Nazis und Kommunisten in einem seltenen Orgasmus der Verurteilung des „zionistischen Gebildes“ miteinander verschmolzen sind. Dass Queers für Islamisten sind und Hollywoodstars irgendetwas von „vom Fluss bis zum Meer“ skandieren.
Das ist nötig, um Palästina zu befreien.
Ich habe gelernt, dass die verrücktesten und dem gesunden Menschenverstand widersprechenden Anschuldigungen ernsthaft diskutiert und geglaubt werden können, wenn der Beschuldigte ein Israeli ist. Ich habe gelernt, dass hochverdiente Menschen Geschichten über abgerichtete Vergewaltigerhunde, Killerdelfine oder den Organraub an Palästinensern ernsthaft diskutieren und für wahr halten können. Dass anonyme Quellen und unbelegte Behauptungen mehr wiegen können als materielle Beweise, Fotos oder Videoaufnahmen. Dass die gezielte Sprengung einer Diskothek mit israelischen Jugendlichen immer heiliger Dschihad und Kampf gegen die Besatzung ist, während die Vernichtung islamistischer Kämpfer ein unmenschlicher Völkermord ist. Dass jeder Massenmord an Israelis entweder eine Verschwörung des Mossad ist, die Sympathie für Israel wecken soll, oder ein weiterer Sieg des großen „Widerstands“.
Das ist nötig, um Palästina zu befreien.
Damals, am 7. Oktober, in Israel, saß ich den ganzen Tag auf Nachrichtenseiten, in Telegram-Kanälen und auf Twitter und verfolgte voller Entsetzen live diese brutale Fleisch-Realityshow, während ganz in meiner Nähe das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust stattfand. Und eine riesige Zahl sehr empathischer Menschen auf Twitter schrieb mir, ich solle mich darauf vorbereiten, dass die tapferen Jungs von der Nukhba bald endlich mich und meine Familie abschlachten würden, dass es an der Zeit sei, das zu vollenden, was jener berüchtigte „österreichische Maler“ begonnen hatte, und dass ich nach Polen zurückkehren solle. Da war so viel Freude und Optimismus hinsichtlich der Zukunft. Menschen aus dem Nahen Osten, aus den Ländern der ehemaligen UdSSR, den USA, Europa und sogar Südostasien schrieben. Das war echte Völkerfreundschaft.
Das ist nötig, um Palästina zu befreien.
Doch im Laufe der drei Jahre nach jenem verhängnisvollen Tag begann sich die Stimmung derselben Menschen drastisch zu verändern. Der Optimismus wich der Verbitterung. Die Gespräche drehten sich nun um ganz andere Themen. Dieselben Menschen begannen plötzlich, viel über Völkermord, Apartheid, Leid und andere sehr große Worte zu schreiben, die ihrer Meinung nach das Geschehen in Gaza beschreiben. An die Menschlichkeit zu appellieren, Menschenrechte zu erwähnen, sich die Haare zu raufen und sich über Opfer unter der Zivilbevölkerung zu empören. Riesige Artikel seriöser Organisationen zu posten, die lang und ermüdend erklären, wie man die Definition von Völkermord am besten erweitern könne, damit sie auf das Geschehen in Gaza angewendet werden kann. Viele gingen zu Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern und forderten von Israel einen bedingungslosen Waffenstillstand. Oh, vielen von ihnen gelingt all das bis heute.
Und ich habe gelernt, dass ich angesichts des Geschehens eine enorme Genugtuung empfinde. Ich bin offen schadenfroh und unermesslich froh darüber, dass diese Menschen leiden und ihre Ziele nicht erreicht haben. Ich empfinde ihnen gegenüber keinerlei Empathie oder Mitgefühl. Vielleicht hatten diese wunderbaren Menschen am Ende doch recht, und ich bin tatsächlich jener gefühllose „Faschist“. Aber ihre Meinung ist mir inzwischen offen gesagt scheißegal.
Am dritten Jahrestag jenes schrecklichen Datums freue ich mich darüber, dass unsere Geiseln zu Hause sind, und es tut mir gut, Gaza in Trümmern zu sehen.
Das absolute Böse wurde bestraft.
RuEm · 08.10.2026
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